George Bernard Shaw
* 1856 · † 1950
Biografie
George Bernard Shaw war der scharfzüngigste Dramatiker seiner Zeit — und vermutlich aller Zeiten. Mit beißendem Witz, unerschütterlichem Selbstbewusstsein und einem leidenschaftlichen Engagement für soziale Gerechtigkeit schuf er ein Werk, das die englischsprachige Theaterwelt revolutionierte. Als einziger Mensch der Geschichte gewann er sowohl den Nobelpreis für Literatur (1925) als auch einen Oscar (1938) — und lehnte Ersteren zunächst mit der Begründung ab, er brauche das Geld nicht.
Kindheit in Dublin
George Bernard Shaw wurde am 26. Juli 1856 in Dublin geboren. Seine Familie gehörte dem protestantischen Bürgertum an, doch die Verhältnisse waren alles andere als geordnet. Sein Vater war ein erfolgloser Getreidehändler mit einem Hang zum Alkohol, seine Mutter eine begabte Sängerin, die sich mehr für Musik als für die Erziehung ihrer Kinder interessierte. Als Shaw sechzehn war, verließ die Mutter die Familie und ging nach London, um dort ihre musikalische Karriere zu verfolgen.
Shaw verließ die Schule mit fünfzehn — er verachtete das formale Bildungssystem zeit seines Lebens — und arbeitete als Büroangestellter in Dublin. 1876 folgte er seiner Mutter nach London, wo er ein Jahrzehnt lang als erfolgloser Romanautor lebte. Fünf Romane schrieb er, alle wurden abgelehnt. Doch Shaw ließ sich nicht entmutigen. Er las, er bildete sich, er besuchte Vorträge — und er schärfte jene messerscharfe Zunge, die ihn später berühmt machen sollte.
Der Dramatiker
In den 1890er Jahren fand Shaw seine wahre Berufung: das Theater. Seine Stücke waren anders als alles, was das viktorianische Publikum gewohnt war. Statt sentimentaler Melodramen schrieb Shaw intellektuelle Komödien, die gesellschaftliche Missstände anprangerten und das Publikum zum Denken zwangen.
“Mrs Warren’s Profession” (1893) thematisierte Prostitution und die Heuchelei der bürgerlichen Moral. “Pygmalion” (1913) — die Geschichte eines Professors, der eine Blumenverkäuferin in eine Dame verwandelt — wurde Shaws bekanntestes Werk und die Grundlage für das Musical “My Fair Lady”. “Mensch und Übermensch” (1903), “Major Barbara” (1905), “Heartbreak House” (1919) und “Die heilige Johanna” (1923) zementieren seinen Ruf als einer der größten Dramatiker der englischen Sprache.
Der Provokateur
Shaw liebte es, zu provozieren. Er war Sozialist, Vegetarier, Antialkoholiker und Verfechter einer Rechtschreibreform — in einer Gesellschaft, die all das für exzentrisch hielt. Er attackierte das britische Klassensystem, die organisierte Religion, die Ausbeutung der Arbeiter und die Dummheit der Regierenden mit gleicher Verve. Dabei war er nie verbittert — sein Humor war zu scharf, zu intelligent, um in Zynismus abzugleiten.
Seine Vorworte zu seinen Stücken waren oft länger als die Stücke selbst und sind eigenständige Essays von brillanter Schärfe. Shaw nutzte jede Bühne — das Theater, die Zeitung, den öffentlichen Vortrag —, um seine Ideen zu verbreiten. Er war einer der ersten Intellektuellen, die das Medium des Rundfunks nutzten, und sein Talent für den zitierbaren Satz machte ihn zum meistzitierten Autor nach Shakespeare.
Ein langes, produktives Leben
Shaw blieb bis ins hohe Alter aktiv. Er schrieb über 60 Theaterstücke, dazu Essays, Kritiken, Romane und zehntausende Briefe. Sein Witz blieb bis zum Schluss ungebrochen. Als man ihn fragte, wie er sich mit 90 fühle, antwortete er: “Wunderbar, wenn man bedenkt, wie die Alternative aussieht.”
Vermächtnis
George Bernard Shaw starb am 2. November 1950 in Ayot St Lawrence, England, im Alter von 94 Jahren. Sein Vermächtnis ist nicht nur ein grandioses dramatisches Werk, sondern eine Haltung: die Überzeugung, dass Humor und Intellekt die mächtigsten Waffen gegen Ungerechtigkeit sind. Seine Zitate über das Leben, die Vernunft und die menschliche Dummheit sind so treffend, dass sie klingen, als wären sie für unsere Zeit geschrieben.