Edel sei der Mensch — Goethes ethischer Imperativ
„Edel sei der Mensch, hilfreich und gut."
— johann-wolfgang-von-goethe
Interpretation
Die Eröffnungszeile von Goethes Hymne 'Das Göttliche' (1783) ist ein Imperativ, kein Indikativ: Der Mensch IST nicht automatisch edel — er SOLL es sein. Goethe formuliert hier kein Menschenbild, sondern ein Programm. Bemerkenswert ist die Dreiheit: 'Edel' betrifft den Charakter, 'hilfreich' die Tat, 'gut' die Gesinnung. Zusammen ergeben sie ein Ideal, das weder religiöses Dogma noch philosophisches System braucht — es steht für sich. In seiner schlichten Größe ist dieser Vers Goethes Antwort auf die Frage, was den Menschen vom Tier unterscheidet: nicht die Vernunft, sondern der Wille zum Guten.
“Das Göttliche” entstand 1783, in einer Phase, in der Goethe sich intensiv mit der Frage beschäftigte, was den Menschen auszeichnet. Das Gedicht argumentiert: Die Natur ist gleichgültig — Sonne scheint auf Gute und Böse. Nur der Mensch kann unterscheiden, urteilen und handeln. Genau darin liegt seine Würde.
Der Vers wurde zum geflügelten Wort, oft aus dem Kontext gerissen. Im Original folgt die ernüchternde Feststellung, dass die Natur “fühllos” ist und nur der Mensch “das Unmögliche” kann: dem Guten eine Form geben. Goethe verlangt viel — aber er verlangt es mit Zuversicht. Er glaubt an die Fähigkeit des Menschen, über sich hinauszuwachsen. In einer Zeit des Zynismus ist dieser Glaube fast revolutionär.